Unsere persönlichen Fluchtgeschichten
Anlässlich des Themas Flucht und Vertreibung haben wir, die Ethikschüler der Klasse 10 am KRG Neustadt, einige persönliche Hintergründe und Geschichten zusammengetragen.
Unsere „Flucht“-Geschichte
Wir, Flora und Alina, haben auch einen Fluchthintergrund. Unsere Oma mütterlicherseits kommt zwar aus Deutschland, hat aber einen amerikanischen Mann geheiratet, unseren Opa. Dieser kam aus Amerika, und war hier in Deutschland in der Nähe des Wohnorts unserer Oma stationiert. Sie haben sich kennen und lieben gelernt, und schließlich ist unsere Oma mit ihm nach Amerika ausgewandert. Dort haben sie drei Töchterchen gezeugt, doch unsere Oma hat immer wieder das Heimweh geplagt. Ausschlaggebend war schließlich, dass unser Opa angefangen hat viel zu trinken, was auch schon seine Mutter gemacht hatte. Unsere Oma litt sehr darunter, denn sie hatte in Amerika auch keine wirklichen Freunde, sondern nur oberflächliche, mit denen man über das Wetter redet oder über den neuesten Klatsch und Tratsch – halt „Smalltalk“. Schließlich hielt sie es nicht mehr länger aus, ließ sich aus Deutschland Geld schicken und floh vor ihrem Mann mit ihren drei Kindern wieder zurück nach Deutschland. Väterlicherseits gibt es keine Fluchtgeschichte, soweit man weiß. Unsere Großeltern wissen zumindest nichts davon. Sie kommen beide aus Deutschland genauso wie ihre Eltern und Großeltern.
Herkunft meiner Familie
Da wir uns im Ethikkurs der Klasse 10 mit dem Thema Flucht auseinandersetzten, möchte ich aus eigener Erfahrung sprechen und schildern, aus welchem Land unsere Familie und der Name „John“ kommen. Mein Großvater stammt ursprünglich aus Ostschlesien also östlich der Oder. Mein Opa Adolf John fuhr nach Görlitz, wo er meine Oma kennen lernte. Am katholischen Kirchentag in Berlin waren die S-Bahnen sehr voll, so dass kein Schaffner kontrollieren konnte. Diesen Vorteil nutzten meine Großeltern und flohen am 16.08.1958 über die Grenze nach Berlin. Dort kamen sie in einem Flüchtlingslager unter, von wo sie nach Leverkusen, ihrem heutigen Wohnsitz, ausgeflogen wurden. Die Mutter von meiner Großtante besaß dort ein Haus, in dem meine Großeltern noch heute leben. Mein Vater kam dann aus beruflichen Gründen in die Pfalz.
Meine Fluchtgeschichte
Ein weit zurückliegender Bezug zum Thema Flucht lässt sich in meiner Familie im 1.Weltkrieg finden. Der Onkel (Alwin) meiner Oma wohnte im Elsass, was bedeutete, dass sowohl die deutsche als auch die französische Armee ihn einziehen wollte. Da der Onkel meiner Oma aber sehr pazifistisch eingestellt war, desertierte er. Zu der damaligen Zeit bedeutete der Versuch einer Desertierung, wenn man gefasst wurde, den sicheren Tod. So floh er in das weit entfernte, neutrale Amerika um dem Krieg und den Konsequenzen seiner Desertierung zu entgehen. Da die Flucht sehr schwer war, ließ er seine Frau (Mathilde)vorerst zurück. Sie kam später allein auf einem Flüchtlingsschiff nach. Beiden gelang die Flucht ohne größere Probleme und so mussten sie nur um den Verlust ihrer alten Heimat trauern.
Cem Hasirci
Flucht und Vertreibung in meiner Familie
Meine Großmutter väterlicherseits lebte mit ihrer Familie bis 1945 auf einem Gutshof in Oberschlesien, wo sie angesehene Mitbürger waren und Oberschlesien als ihre Heimat ansahen, da meine Urgroßeltern auch dort geboren waren. Als die Rote Armee immer näher an die deutschen grenzen heranrückte, wurden die Ostbezirke und eben auch die östlichen Teile des großdeutschen Reichs evakuiert und eine Flüchtlingswelle ergoss sich über das sonstige/westliche Deutschland. Meine Großmutter mit ihren gerade mal 20 Jahren zu dieser Zeit befand sich unter diesen. Da es aus Schlesien hinaus am Erzgebirge am leichtesten war, in die inneren deutschen Provinzen zu ziehen, durchquerte sie auch Dresden, glücklicherweise einen Tag vor dem verheerenden Bombenangriff der Alliierten auf diese schöne Stadt. Bei diesem Bombardement verloren viele momentan auf Durchreise in der Stadt befindliche Flüchtlinge ihr Leben. Die Zuwanderer sind vorher durch die Regierung Bezirken zugeteilt worden, um die weite Masse der Menschen ein wenig aufzuteilen. Vielerorts hausten sie in provisorisch eingerichteten Hütten oder Zeltdörfern unter schlechten Bedingungen. Meine Großmutter nun wurde dem Bereich Neustadt an der Weinstraße zugeteilt, traf dann in Lachen- Speyerdorf meinen Großvater und sie beschlossen, zu heiraten und gemeinsam ein Haus für die vielen Kinder, die dieser Verbindung folgen sollten, zu bauen. Dies war in Lambrecht damals wohl sehr günstig, also entschlossen sie sich, dort ansässig zu werden. Übrigens hatten beide rötliche Haare, die auch ich erbte. Ein Wink des Schicksals, dass sich grade diese beiden unter diesen Umständen hier trafen? Die Welt ist klein.
Felix Stadler
Flucht
In meiner eigenen Familie gibt es auch eine sehr interessante und schreckliche Fluchtgeschichte. Meine Oma lebte als Kind in Breslau, wo sie den Zweiten Weltkrieg erlebte. Ihr Vater war Halbjude und damit war die ganze nähere Verwandtschaft in Gefahr in Sippenhaft zu kommen. Doch auf Grund der Beziehungen ihres Vaters gelang es ihnen ihren ältesten Sohn zur Armee zu schicken, wo er sich wegen seiner jüdischen Abstammung sehr ins Zeug legte und es schaffte mit einer Sondergenehmigung von Hitler Panzeroffizier an der Ostfront zu werden. Aufgrund dieses Ranges konnte er verhindern, dass jemand aus der Familie ins KZ abtransportiert wurde. Doch als dann 1944/45 die Russen immer näher an Schlesien rückten und selbst meine Oma als 15-jähriges Mädchen zum ausheben von Panzergräben befohlen wurde, wurde sie zu Verwandten nach Dresden geschickt um weiter die Schule besuchen zu können. Als dann auch dies nicht mehr ging, kam sie zurück nach Breslau, wo sie dann versteckt wurde. Bald darauf waren jedoch die Russen so nahe an Breslau (, was sie nur aus dem Englischen Rundfunk wussten), dass die ganze Familie nach Dresden floh. Dort kamen sie bei Verwandten und Bekannten in der Neustadt unter. Dies war ein Glück, da sie zur Zeit der Luftangriffe auf Dresden nicht in der Altstadt waren, die dabei fast vollständig zerstört wurde, sondern in den Kellern in der Neustadt ziemlich geschützt waren. Doch sahen sie ein, dass sie dort nicht bleiben konnten und flohen mit Pferdewagen, die sie auf Grund der Größe der Familie von der Reichswehr zur Verfügung gestellt bekamen, weiter nach Moritzburg. Dort übernachteten sie zuerst in Ställen von Bekannten und als dass nicht mehr möglich war wurde ihnen im Moritzburger Schloss, dass von der Waffen-SS beschlagnahmt war, Asyl gewährt. Doch auch dort konnten sie nicht sehr lange verweilen, weil die Russen weiter auf dem Vormarsch waren. Sie flohen weiter in ein kleines Dorf zu Bekannten, wo sie in einer Arbeiterwohnung unterkamen und gegen Essen in einer Gärtnerei arbeiten konnten. Als dort dann die Russen einmarschierten versteckten sich alle in ihren Häusern und meine Oma in der Gärtnerei mit anderen jungen Mädchen, um sich vor russischen Freiern zu schützen. Von dort aus wurden sie dann, nach dem endgültigen Fall des 3. Reiches nach Berlin in die russische Zone gebracht. Dort baute mein Urgroßvater seine Firma wieder provisorisch auf um Geld für Essen zu verdienen und dort fand sie auch ihr erstgeborener Sohn der ehemalige Panzeroffizier wieder. Die Familie musste dort jedoch extrem hungern (ein Pfund Brot im Monat für jeden) und floh deshalb auch sobald wie möglich mit Hilfe eines “Rosinenbombers” der Luftbrücke und mit nur einem Koffer Gepäck nach Westdeutschland.
Felix Rittershaus